Vollfinanzierung ohne Eigenkapital — geht das und für wen?

Finanzierung 7 Min. Lesezeit

Eine Vollfinanzierung bedeutet, dass die Bank den gesamten Kaufpreis finanziert — bei der 100-%-Variante zahlst du nur die Kaufnebenkosten aus eigener Tasche, bei der 110-%-Variante kommt auch die noch ins Darlehen. Das geht, kostet aber spürbar mehr Zins: Statt rund 3,9 % bei 80 % Beleihung verlangen Banken bei voller Finanzierung grob 4,4 bis 4,7 % (Stand Mai 2026). Bei 400.000 € Kaufpreis sind das schnell 900 € mehr Rate im Monat — und du startest mit einer Restschuld über dem Wert deiner Immobilie.

Was eine Vollfinanzierung überhaupt ist

Beim klassischen Hauskauf bringst du einen Teil aus eigener Tasche mit — das Eigenkapital — und den Rest leihst du dir bei der Bank. Eine Vollfinanzierung dreht das Prinzip um: Die Bank finanziert den gesamten Kaufpreis, du steckst kein oder kaum eigenes Geld hinein.

Dabei musst du zwei Varianten sauber auseinanderhalten, weil sie sich im Preis deutlich unterscheiden:

  • 100-%-Finanzierung: Die Bank übernimmt den vollen Kaufpreis. Die Kaufnebenkosten — Grunderwerbsteuer, Notar, Grundbuch und gegebenenfalls Makler, zusammen je nach Bundesland rund 9 bis 15 % — zahlst du selbst aus Eigenkapital.
  • 110-%-Finanzierung: Auch die Kaufnebenkosten kommen ins Darlehen. Das ist die echte Finanzierung „ohne jegliches Eigenkapital”. Die 110 sind dabei keine feste Zahl, sondern stehen für „Kaufpreis plus Nebenkosten”.

Der Schlüssel zum Verständnis ist der Beleihungsauslauf: das Verhältnis zwischen Darlehen und dem Beleihungswert, den die Bank der Immobilie zubilligt. Je höher dieser Auslauf, desto mehr Risiko trägt die Bank — und desto höher dreht sie den Zins.

Warum die Kaufnebenkosten das eigentliche Problem sind

Hier liegt der Kern, warum eine Vollfinanzierung teurer ist als nur „derselbe Kredit, etwas größer”. Wenn die Bank dir 400.000 € für ein Haus leiht, das auch 400.000 € wert ist, hat sie eine Sicherheit in gleicher Höhe — sie kann das Haus im Notfall verwerten.

Die Kaufnebenkosten schaffen aber keinen Gegenwert. Grunderwerbsteuer, Notargebühr und Maklerprovision sind weg, sobald du sie gezahlt hast — sie stecken nicht im Mauerwerk und erhöhen den Beleihungswert nicht. Finanzierst du sie mit, leiht dir die Bank also Geld, dem keine Sicherheit gegenübersteht. Genau diesen ungedeckten Teil lässt sie sich besonders teuer bezahlen.

Deshalb gilt: Eigenkapital, das die Nebenkosten abdeckt, senkt deinen Zins überproportional. Mehr dazu, wie viel sinnvoll ist, steht im Ratgeber Wie viel Eigenkapital brauche ich fürs Haus?.

Wie hoch ist der Zinsaufschlag?

Banken staffeln ihre Konditionen nach Beleihungsauslauf. Als Größenordnung (Stand Mai 2026, bei rund 3,9 % Sollzins für eine solide 80-%-Finanzierung):

BeleihungsauslaufWas finanziert wirdSollzins (grob)
60 %viel Eigenkapitalab ca. 3,8 %
80 %20 % EK + Nebenkosten aus EKca. 3,9 %
100 %voller Kaufpreis, Nebenkosten aus EKca. 4,4 %
110 %Kaufpreis + Nebenkosten, kein EKca. 4,7 %

Die Spanne von 80 % zu 110 % macht in diesem Beispiel rund 0,8 Prozentpunkte aus — je nach Bank, Bonität und Lage können es auch 0,5 bis 1,5 Punkte sein. Das klingt nach wenig. Über die ganze Laufzeit und auf eine größere Darlehenssumme summiert sich das aber zu einem fünfstelligen Betrag. Das rechnen wir jetzt durch.

Rechenbeispiel: 400.000 € Kaufpreis, drei Varianten

Nehmen wir eine Immobilie für 400.000 € mit 48.000 € Kaufnebenkosten (12 %). Du planst 2 % Anfangstilgung und 10 Jahre Zinsbindung. Wir vergleichen drei Wege, an dieselbe Immobilie zu kommen.

VarianteEigenkapitalDarlehenSollzinsMonatsrateZinsen über 10 JahreRestschuld nach 10 Jahren
20 % EK80.000 € + Nebenkosten320.000 €3,9 %1.573 €110.679 €241.879 €
100 %nur Nebenkosten (48.000 €)400.000 €4,4 %2.133 €155.735 €299.735 €
110 %kein Eigenkapital448.000 €4,7 %2.501 €186.058 €333.898 €

Alle Zahlen sind mit derselben Annuitäten-Logik gerechnet, die auch die Hausbiber-App verwendet (monatlich iteriert).

Lies die Tabelle Zeile für Zeile:

  • Mit 20 % Eigenkapital zahlst du 1.573 € im Monat und nach zehn Jahren noch 241.879 € Restschuld. Über die zehn Jahre kostet dich der Kredit rund 111.000 € Zinsen.
  • Bei 100 % steigt die Rate auf 2.133 € — das sind 560 € mehr pro Monat als in der EK-Variante. Über zehn Jahre zahlst du rund 45.000 € mehr Zinsen.
  • Bei 110 % sind es 2.501 € Rate, also fast 930 € mehr im Monat als mit Eigenkapital, und rund 75.000 € mehr Zinsen über zehn Jahre. Deine Restschuld liegt nach zehn Jahren mit 333.898 € noch deutlich unter dem, was du ursprünglich geliehen hast — die Tilgung kommt bei höherem Zins langsamer voran.

Der Mehraufwand entsteht aus zwei Effekten zugleich: Du leihst dir mehr Geld und zahlst dafür einen höheren Zins. Beides zusammen macht die Vollfinanzierung deutlich teurer als die Zahl „nur 80.000 € Eigenkapital gespart” vermuten lässt.

Das größte Risiko: länger über dem Wert der Immobilie

Bei einer Vollfinanzierung liegt deine Restschuld in den ersten Jahren über dem Wert deiner Immobilie. In der 110-%-Variante schuldest du der Bank zu Beginn 448.000 €, obwohl das Haus 400.000 € wert ist. Bis die Tilgung diese Lücke aufgeholt hat, vergehen Jahre.

Solange alles glatt läuft, ist das ein theoretisches Problem. Brenzlig wird es, wenn du verkaufen musst — bei Jobverlust, Trennung, einem Umzug. Reicht der Verkaufserlös nicht, um das Darlehen abzulösen, bleibt eine Restschuld, obwohl die Immobilie weg ist. Im Extremfall, der Zwangsversteigerung, werden zuerst die Banken bedient; was übrig bleibt, ist oft wenig. Bei fallenden Immobilienpreisen verschärft sich das zusätzlich.

Dazu kommt: Wer ohne jede Rücklage finanziert, hat keinen Puffer für eine neue Heizung, ein undichtes Dach oder eine Phase ohne Einkommen. Jede unerwartete Ausgabe läuft dann wieder auf Pump. Genau davor warnen Verbraucherschützer bei der Variante ganz ohne Eigenkapital.

Wann eine Vollfinanzierung trotzdem aufgehen kann

Es gibt Konstellationen, in denen eine Vollfinanzierung eine nachvollziehbare Entscheidung ist — nicht als Empfehlung, sondern als ehrliche Einordnung:

  • Sehr sicheres, hohes Einkommen. Beamte oder unbefristet Angestellte mit stabilem Job und Einkommen, das die höhere Rate locker trägt, sind genau die Gruppe, der Banken Vollfinanzierungen überhaupt anbieten. Dass dein Haushaltsnettoeinkommen die größere Rate dauerhaft verkraftet, ist die Grundvoraussetzung.
  • Steigender Markt. Wenn die Immobilienpreise schneller steigen, als du Eigenkapital ansparen kannst, kann früher kaufen unterm Strich günstiger sein als jahrelang warten — vorausgesetzt, der Markt entwickelt sich tatsächlich so. Garantiert ist das nicht.
  • Werthaltige Immobilie in guter Lage. Je solider das Objekt, desto eher trägt es im Notfall den Verkauf, ohne dass eine Restschuld bleibt.
  • Hohe Mietersparnis. Wenn du heute eine hohe Miete zahlst, die der Kaufrate nahekommt, fällt der Aufschlag der Vollfinanzierung im Gesamtbild kleiner aus.

Fehlt eine dieser Säulen — unsicherer Job, knappes Budget, schwankendes Einkommen — wird die Vollfinanzierung schnell zur Belastung statt zur Chance.

Was du tun kannst, um das Risiko zu senken

Auch wenn dein Eigenkapital knapp ist, hast du Stellschrauben:

  • Mindestens die Kaufnebenkosten selbst zahlen. Schon der Sprung von 110 % auf 100 % nimmt dem teuersten, weil ungedeckten Teil des Darlehens den Zinsaufschlag. In unserem Beispiel sind das rund 30.000 € weniger Zinsen über zehn Jahre.
  • Höhere Anfangstilgung wählen. Wer mehr tilgt, baut die gefährliche Lücke zwischen Restschuld und Immobilienwert schneller ab und ist früher schuldenfrei. Wie sich 1 % gegen 3 % Tilgung auswirkt, zeigt der Ratgeber Tilgung 1 % oder 3 %?.
  • Eine Rücklage behalten. Lieber etwas weniger ins Eigenkapital stecken und drei bis sechs Monatsraten als Puffer halten, als völlig blank ins Haus gehen.

Ob und wie eine Vollfinanzierung für deine Situation trägt, lässt sich nicht pauschal sagen — das hängt an Einkommen, Job-Sicherheit, Lage und deiner eigenen Risikobereitschaft. Diese Seite erklärt, wie es funktioniert und worauf du achten kannst; eine individuelle Entscheidung sicherst du im Zweifel mit einer unabhängigen Beratung ab.

Mit Hausbiber durchrechnen

In der Hausbiber-App kannst du dieselbe Immobilie mit unterschiedlichem Eigenkapital als Annuitätendarlehen-Baustein anlegen und die Varianten nebeneinander durchspielen — einmal mit 20 % Eigenkapital, einmal als Vollfinanzierung. Du siehst sofort, wie sich Monatsrate, Zinskosten und Restschuld verschieben, und erkennst, wie viel der höhere Zins über die Jahre wirklich kostet. Wie viel Rate dein Budget überhaupt trägt, zeigt dir die Schnellrechnung unter Was kann ich mir leisten?.

Häufige Fragen

Kann man ein Haus komplett ohne Eigenkapital kaufen?

Technisch ja — das nennt man 110-%-Finanzierung: Die Bank finanziert Kaufpreis und Kaufnebenkosten. Sie tut das aber nur bei sehr guter Bonität, sicherem hohem Einkommen und einer werthaltigen Immobilie in guter Lage. Und sie lässt sich das höhere Risiko über einen Zinsaufschlag bezahlen — grob 0,5 bis 1,5 Prozentpunkte mehr als bei 80 % Beleihung. Ohne jede Rücklage ist eine Vollfinanzierung riskant, weil dann auch jeder Defekt am Haus sofort wieder auf Pump läuft.

Was ist der Unterschied zwischen 100- und 110-Prozent-Finanzierung?

Bei der 100-%-Finanzierung übernimmt die Bank den Kaufpreis, die Kaufnebenkosten (Grunderwerbsteuer, Notar, Grundbuch, ggf. Makler) zahlst du selbst aus Eigenkapital. Bei der 110-%-Finanzierung kommen auch diese Nebenkosten mit ins Darlehen — du brauchst also gar kein Eigenkapital. Genau das macht sie teuer: Die Nebenkosten schaffen keinen Gegenwert, die Bank hat dafür keine zusätzliche Sicherheit.

Wie viel höher ist der Zins bei einer Vollfinanzierung?

Als Größenordnung rechnest du mit 0,5 bis 1,5 Prozentpunkten Aufschlag gegenüber einer Finanzierung mit 80 % Beleihung. Bei einem Marktzins von rund 3,9 % für 80 % Beleihung (Stand Mai 2026) landest du bei einer 100-%-Finanzierung grob bei 4,4 % und bei 110 % eher bei 4,7 %. Der genaue Satz hängt von Bonität, Einkommen und Lage ab.

Für wen ist eine Vollfinanzierung sinnvoll?

Am ehesten für Käufer mit sehr sicherem, hohem Einkommen (etwa Beamte oder unbefristet Angestellte mit stabilem Job), die in einem steigenden Markt nicht jahrelang ansparen wollen, während die Preise weiterlaufen. Wichtig sind eine werthaltige Immobilie und genug Luft im Budget für die höhere Rate. Ob es im Einzelfall trägt, klärst du am besten mit einer unabhängigen Beratung.

Was passiert bei einer Vollfinanzierung, wenn ich verkaufen muss?

Hier liegt das größte Risiko: Bei einer Vollfinanzierung liegt deine Restschuld in den ersten Jahren über dem Verkaufswert der Immobilie. Musst du früh verkaufen — etwa wegen Jobverlust oder Trennung — oder kommt es zur Zwangsversteigerung, reicht der Erlös oft nicht, um das Darlehen abzulösen. Dann bleibt eine Restschuld, obwohl das Haus weg ist.

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